Aufbau einer Slawenburg


Vermutetes Aussehen des Vorburgtores vom frühslawischen Niederungsburgwall Neubrandenburg "Ravensburg" (Mecklenburg-Vorpommern) mit Feldsteinberme und befestigtem Burggraben, nach Ronny Krüger 2016


Heute wird die slawische Besiedlung in Deutschland in drei Abschnitte eingeteilt, die als "frühslawisch" (8./9. Jahrhundert), "mittelslawisch" (9./10. Jahrhundert) und als "spätslawisch" (11./12. Jahrhundert) bezeichnet werden. Früher war die Bezeichnung: altslawisch, mittelslawisch und jungslawisch gebräuchlich. Ich verwende sowohl die alte als auch die neue Bezeichnung.

Als die ersten Slawen seit dem 7./8. Jahrhundert in unsere Gebiete einwanderten, entstanden schnell dörfliche Ansiedlungen. Nachdem eine gewisse Infrastruktur entstanden war, begann man mit der Errichtung von großräumigen Burganlagen in natürlich geschützten Niederungsgebieten oder auf schwer erreichbaren Höhenlagen, die zeitweise bewohnt oder nur in Kriegszeiten und zu besonderen Anlässen aufgesucht wurden. Der bisher früheste archäologisch fassbare Burgenbau datiert in das frühe 8. Jahrhundert. Hier und da besiedelten die Slawen auch verlassene ältere bronzezeitliche/eisenzeitliche Wallanlagen neu. Vielleicht nahmen die Slawen solche älteren Wallanlagen als Vorbild für ihre Burganlagen? Slawische Festungen wurden nur aus Holz, Erde, Lehm und Feldsteinen errichtet und hatten meist ovale bis kreisrunde Grundrisse. Seltener waren fast viereckige Burgformen. Sollte ein natürlicher Bergsporn als Höhenburg ausgebaut werden, wurden meist nur die Zugangsseiten mit bogenförmigen Erdwällen gesichert (z.B. Burgwall Quadenschönfeld in Mecklenburg; Burgwall Reitwein in Brandenburg). Die auf natürliche Weise gesicherten Seiten einer solchen Höhenburg waren nur mit einfachen Holzpalisaden befestigt. Aus einer Überlieferung aus der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts ist überliefert, wie die Slawen beim Bau einer Niederungsburg vorgingen. Sie suchten sich einen strategisch günstig liegenden Ort in einer Niederung aus und steckten dort einen Platz vom beabsichtigten Umfang der Burg ab. Anschließend bauten sie aus Holz Rost- oder Kastensysteme, die sie nebeneinander und übereinander verbanden.

 

Seitenansicht einer typischen mittelslawischen Niederungsburg von etwa 50 m Durchmesser, nach Ronny Krüger 2016

In diese leeren Holzkästen fügten sie Erde, Lehm, Feldsteine und Holz ein, sowie den sonstigen Siedlungsabfall. Die Wälle von slawischen Burgen erreichten Höhen von etwa 4 bis 12 Metern und waren im Endstadium bis zu 20 m breit. Auf der oberen Wallkrone errichteten sie zusätzlich noch hölzerne Palisadenwände oder auch überdachte Wehrgänge. An den Stellen, wo sie Tore in die Anlagen einfügen wollten, unterbrach man das Wallsystem und errichtete hier hohe Tortürme oder schmale Tunneltore durch den Wall.

Typischer Wallaufbau einer mittelslawischen Burg des 9./10. Jahrhunderts; nach Ronny Krüger, 2014

Die Erde, die man in die hölzernen Kastensysteme einfügte, grub man oft direkt vor der Wallanlage aus, so dass hier ein künstlicher Graben entstand, der die ganze Anlage umgab. Oftmals füllten sich diese flachen Gräben nach der Errichtung mit Wasser, da die meisten Burgen dieser Zeit in feuchten Niederungsgebieten, oder in der Nähe von Gewässern angelegt wurden. Diese breiten Gräben verhinderten, dass ein Feind direkt an den Burgwall gelangen konnte. 

Wallschnitt und Rekonstruktion des kleinen mittelslawischen Burgwalls von Repten (9./10. Jahrhundert) in Brandenburg, nach Denny Neumann

Wahrscheinlich befestigte man diese Gräben mit Flechtwerkzäunen oder Holzplanken, um ein Abrutschen zu vermeiden. Über die breiten Burggräben führten kurze hölzerne Brücken oder Erddämme zu den Eingangstoren. Weiterhin kann man eine bermenartige Lehmschutzschicht, aufgestapelte Findlinge oder andere bauliche Maßnahmen zum Schutz vor brennenden Pfeilen usw. an der äußeren Burgwallfront vermuten.

Spätslawische Inselburg Behren-Lübchin in Mecklenburg-Vorpommern (zweite Burgphase im 11./12. Jahrhundert); gezeichnet von Thomas Schmidt aus Neubrandenburg 2013, nach einer Idee/Vorlage von Ronny Krüger

Direkt am Innenwall angelehnt lagen die Wohnbauten der Burgbewohner. Diese waren meist als Blockhütten oder als eingetiefte Grubenhäuser ausgeführt. Falls der Feind Geschosse in die Anlage schleuderte, wurden die meist leeren Burginnenflächen getroffen und konnten so weniger Schaden anrichten. Weiterhin ist auffällig, dass die frühslawischen Wilzenburgen des 8./9. Jahrhunderts in Ostmecklenburg und Nordbrandenburg meist mehrgliedrig waren. Diese heute als "Feldberger Burgen" bezeichneten Anlagen bestanden aus einer, zwei oder drei befestigten Vorburgen, sowie einer kleineren Hauptburg. Diese kleineren Hauptburgen wurden vermutlich erst im Verlauf des späten 8. bis frühen 9. Jahrhunderts in die vorhandenen Anlagen integriert. Der Grund dafür war sicherlich die Herausbildung eines slawischen Burgadels, der eine kleinere eigene Anlage als Herrschaftssitz bevorzugte. 

Der kleine mittelslawische Ringwall von Sypniewo in Polen von Westen gesehen (10./11. Jahrhundert); Entwurf: Dr. Felix Biermann, Zeichnung: B. Fischer 2006. Buch: Felix Biermann: "Sypniewo - Ein frühmittelalterlicher Burg - Siedlungskomplex in Nordmasowien", 2006, Seite: 175.

In den befestigten Vorburgen waren vor allem Handwerker, Händler und Schutztruppen ansässig, die dem jeweiligen Burgherren in der Hauptburg unterstanden. Der restliche Platz in den Vorburgen blieb für die in der näheren Umgebung wohnenden Bevölkerung samt Nutzvieh übrig, die sich hier im Fall einer Belagerung zurückziehen konnte. In den großräumigen Vorburgen gab es zudem Werkstätten, Vorratshäuser, sowie mehrere Brunnen. So konnte man im Belagerungsfall eine gewisse Zeit vor dem Feind ausharren. Diese frühslawischen Großraumburgen wurden fast alle von der zweiten Hälfte des 9. bis frühen 10. Jahrhunderts aufgegeben. Die Ursachen dafür liegen sicher mit der Unterwerfung der wilzischen Stämme seit dem Jahr 789 unter "Karl dem Großen" zusammen. Die jeweiligen slawischen Burgherren verloren durch die fränkische Unterwerfung im Laufe der Zeit ihre politische Macht und konnten oder durften ihre großen Burgen nicht mehr halten.

Der kleine mittelslawische Burgwall von Köben (Chobienia, Niederschlesien, Polen) am Hochuferrand der Oder im späten 9. Jh. Entwurf Dr. Felix Biermann, Zeichnung Ottilie Blum. Aus: Felix Biermann, Andreas Kieseler, Dominik Nowakowski, Mittelalterliche Herrschafts- und Siedlungsstrukturen in Niederschlesien am Beispiel von Köben an der Oder. Prähistorische Zeitschrift 86, 2011, S. 100-132, hier S. 122 Abb. 25.

Ab dem späten 9. Jahrhundert (um 880) entstanden nun kleinere, meist kreisrunde/ovale Burgwälle mit Durchmessern von 50 bis 80 Metern. Auch diese wurden wieder aus hölzernen Rost- oder Kastenkonstruktionen errichtet. Allerdings waren diese meist wehrhafter ausgebaut und hatten im Endstadium Wallhöhen von bis zu 10 Metern (z. B. Burgwall Groß Raden in Mecklenburg-Vorpommern; Burgwall Raddusch in Brandenburg). Diese mittelslawischen "Kleinburgen" lagen fast alle in unzugänglichen Niederungen und verfügten im Vorfeld über leicht befestigte Vorburgsiedlungen. In den oftmals nur mit flachen Gräben, hölzernen Palisaden oder flachen Wällen gesicherten Vorburgen lebten vor allem die Handwerker, die die Burgleute mit Alltagsgegenständen versorgten. Getreide und Schlachtvieh wurde von naheliegenden Siedlungen geliefert. Heute interpretiert man diese "Kleinburgen" als Herrschaftssitze von slawischen Lokalherrschern, die nur über wenig Macht verfügten.

  

Einfacher Rekonstruktionsversuch der spätslawischen Inselburg von Behren-Lübchin in Mecklenburg-Vorpommern (11./12. Jahrhundert); gezeichnet von Doreen Ksiensik, nach einer Idee von Ronny Krüger 2004

In der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts wurden viele mittelslawische "Kleinburgen" zerstört. Der deutsche König Heinrich I. und sein Nachfolger Otto I. unterwarfen ab dem Jahr 929 in mehreren Kriegszügen viele Slawenstämme östlich der Elbe. Ab den 940 er Jahren entstanden wieder größere Anlagen bei den Slawen, die nun vermehrt auf Inseln, an Flussläufen oder auf Halbinseln lagen. Zu den großen Inselburgen führten hölzerne Brücken, die oft mehrere hundert Meter lang waren (z.B. Burgwallinsel Teterow, Burgwallinsel Mölln; beide in Mecklenburg-Vorpommern). Die längste bisher nachgewiese Brücke führte von der spätslawischen Burgwallinsel Fergitz in Brandenburg quer durch den Oberuckersee und hatte eine Länge von 2200 Metern! Eine weitere 400 m lange Brücke führte über eine Wassertiefe von ca. 20 m an die Insel heran. Bis heute stellen diese beiden Brücken eine Meisterleistung im slawischen Brückenbau dar!

Seitenansicht der Wallruine eines mittelslawischen Burgwalls des 9./10. Jahrhunderts von etwa 50 m Durchmesser, nach Ronny Krüger 2016

Es gab auch diverse Tempelburgen bei den Slawen. Nach einer Überlieferung hatte jeder slawische Stamm eine Stammesburg, in der ein Hauptheiligtum verehrt wurde. Die bekanntesten waren die Burg am Kap Arkona auf Rügen, die Burg Mecklenburg bei Wismar in Mecklenburg-Vorpommern, die Burg Starigard im heutigen Oldenburg in Schleswig-Holstein, sowie die Burg Rethra, die bis heute nicht eindeutig lokalisiert werden konnte, wahrscheinlich aber im Bereich Tollensesee/Lieps bei Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern lag.

Angriff auf eine Slawenburg; Foto: Tomáš Humaj, Slowakei 2014

Dies sind nur einige wenige Beispiele für Burgen mit Heiligtümern. Man kann also bis hierhin festhalten, dass sich der Bau der Burgen in der früh-, mittel- und spätslawischen Zeit bis auf dem Umfang kaum verändert hat. Die Slawen haben auf heute deutschem Gebiet nie Burgen aus Stein gebaut.

Wallreste des Vorburgwalls der frühslawischen Höhenburg von Quadenschönfeld in Mecklenburg-Vorpommern, April 2015

In der Gegenwart erkennt man ihre Burgen meist nur noch an unscheinbaren, oft mit Bäumen bestandenen Erdwällen unterschiedlicher Höhen. Oft wurden sie stark von der Landwirtschaft in Mitleidenschaft gezogen oder völlig abgetragen und sind nur noch mittels alten Landkarten, modernen Luftaufnahmen, oder von Fachleuten im Gelände als flache Hügel erkennbar. In ganz Deutschland soll es um die 700 Slawenburgen gegeben haben. Da ich auch vermutete und abgetragene Burgen aufführe, komme ich auf etwa 800 Slawenburgen auf heute deutschem Gebiet.

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