Geschichte der Slawen in Deutschland


Spätslawische Inselburg von Behren-Lübchin in Mecklenburg-Vorpommern (11. Jahrhundert), nach Ronny Krüger 2017

Nachdem die Germanen die Landschaften östlich von Elbe und Saale im heutigen Deutschland weitgehend verlassen hatten, siedelten sich dort seit dem 7./8. Jahrhundert slawische Stämme aus Ost- und Ostmitteleuropa an. Von woher sie ganz genau einwanderten, ist noch nicht eindeutig geklärt. Jedoch kommt als ihre Heimat der Raum zwischen Dnepr und Weichsel infrage (heutiges Ostpolen und Ukraine). Der Zug der Slawen nach Westen gehörte zu den umfangreichen Bevölkerungsbewegungen in Südost- und Mitteleuropa um die Jahrtausendmitte. Auslöser dafür war das Vordringen des Reitervolks der Awaren aus den Steppen Mittelasiens nach Europa. Die ältesten slawischen Gruppen erreichten von Böhmen her entlang der Elbe das Elbe-Saale-Gebiet. Ihnen schlossen sich weitere Stammesgruppen an, die teilweise auch über den Raum östlich der Oder kamen. Zur Zeit Karls des Großen (747 - 814) lebten die Slawen in einem Gebiet, welches von Nordostbayern über Thüringen, weiter in das Elbegebiet bis ins östliche Schleswig-Holstein reichte. Ständige Auseinandersetzungen mit dem karolingischen und später ostfränkischen Reich im Westen und im Norden auch mit den Dänen prägten die ereignisreiche Geschichte der Slawen. Dabei wechselten - regional und zeitlich unterschiedlich - Selbstständigkeit, Tributabhängigkeit und völlige Unterwerfung einander ab. Zuerst unterlag 928/29 der slawische Stamm der Sorben - südlich einer Linie von Magdeburg nach Brandenburg an der Havel - den Eroberungen, die vom gerade erst entstandenen Reich unter Heinrich I., dem Vater von Kaiser Otto I., ausgingen. Die weitere Geschichte dieser slawischen Bevölkerung und ihre Entwicklung verlief fortan nur noch unter Bedingungen, die in wirtschaftlicher, sozialer und rechtlicher Hinsicht von ostfränkischer Herrschaft bestimmt wurden.

Einwanderung slawischer Stämme

Im Norden hingegen schlugen viele Versuche fehl, von Slawen besiedeltes Gebiet dauerhaft dem ostfränkischen Reich einzugliedern. So bereitete 983 der "Lutizenaufstand" allen ostfränkisch-sächsischen Versuchen ein Ende, zwischen Elbe und Oder Fuß zu fassen. Bei den Lutizen handelte es sich um einen Zusammenschluss von Slawen, und zwar der wilzischen Teilstämme gemeinsam mit den Lusizi und Teilen der Sorben. Bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts behielten dann diese Slawen ihre politische Unabhängigkeit. Erst danach wurden auch sie in deutsche Sozial- und Wirtschaftsverhältnisse einbezogen und verloren dann im Laufe der Zeit auch ihre kulturelle Eigenständigkeit. Einhard, der Biograf Karls des Großen, berichtet, Karl habe von seinen Vätern Elbe und Saale als Grenze gegen die Slawen übernommen. Die Linie der beiden Flüsse bildete aber niemals eine scharfe Trennlinie. Vielmehr ist auch westlich davon aufgrund von archäologischen Funden, zeitgenössischen Schriftquellen und Ortsnamen vielfach die Anwesenheit von Slawen nachgewiesen. Sie siedelten dort aber unter fränkischer und später deutscher Oberherrschaft. Daher gab es bei ihnen keine eigenständige Weiterentwicklung, die bis heute nachwirkt.
Eine von Archäologen belegte Tatsache begründet diese Annahme:
Westlich von Elbe und Saale gab es nach heutigem Kenntnisstand keine dauerhaften charakteristischen slawischen Burgen. Befestigungsanlagen sind nämlich immer Ausdruck und Symbol, wer die Befehlsgewalt in der umliegenden Region ausübt. Westlich der Elbe konnten Karl der Große und seine Nachfolger daher nicht dulden, dass dort dauerhafte slawische Herrschaftssitze enstanden.
Die Hinterlassenschaften der Slawen verteilen sich wegen der naturgegebenen Voraussetzungen sehr ungleichmäßig über das Land zwischen Elbe und Oder. Gegenden intensiver Besiedlung waren durch umfangreiche Waldgebiete voneinander getrennt. In den Siedlungslandschaften lassen sich Stämme lokalisieren, die aus der schriftlichen Überlieferung bekannt sind, insbesondere vom "Bayrischen Geographen" aus der Mitte des 9. Jahrhunderts. Er nennt die ihnen zugehörigen civitates (Burgbezirke), u.a. Abodriten mit mehreren Teilstämmen, Wilzen mit vier Teilstämmen, Linonen, Heveller, Sorben mit mehreren Teilstämmen, Daleminzer, Lusizer, Milzener, Besunzanen. Andere Schriftquellen ergänzen diese Aufzählung. Unter civitates sind die archäologisch fassbaren Siedlungskammern zu verstehen. Es handelte sich um kleinere Regionen von einer Ausdehnung, die in etwa einem Tagesmarsch gut zu durchqueren war. Im Zentrum lag fast immer eine Burg und darum herum gruppierten sich die zugehörigen Siedlungen. Die heutigen Reste der Befestigungsanlagen besitzen vielfältige Ausprägungen und ziehen immer wieder die Aufmerksamkeit der Archäologie auf sich. Es gab zwei verschiedene Arten der Burgen, die durchweg aus Holz und Erde gebaut waren. Je nach Lage in der Landschaft waren sie unterschiedlich gestaltet:
"Höhenburgen" der bergigen Landschaften lagen bevorzugt auf Bergspornen oder Bergkuppen; "Niederungsburgen" des Flachlandes befanden sich - sofern vorhanden - auf Inseln und Halbinseln, um den Schutz des umgebenen Wassers oder Sumpfes zu nutzen. Auf Kuppen und Inseln, wie z. B. in Behren-Lübchin in Mecklenburg, sicherten häufig so genannte Ringwälle die Ansiedlungen. Auf Halbinseln und Bergspornen hingegen reichte es aus, die Zugangsseite massiv zu gefestigen, während an den natürlich geschützten Seiten einfachere Palisaden, Hecken usw. genügten. Häufig waren die Anlagen wie im Falle der Burg Drense in Brandenburg mehrteilig, indem der eigentlichen Hauptburg eine oder gar mehrere Vorburgen vorgelagert waren. Dies ist besonders bei den Wilzen in Mecklenburg zu erkennen. In den Vorburgen waren vor allem gewerbliche Produzenten, Händler und Dienstleute ansässig, so dass diese Burg-/Vorburg-Komplexe häufig zu Keimzellen der mittelalterlichen Städte wurden.

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