Handelsplätze der Slawen und Wikinger (Auswahl)



"Conerow" bei Wodarg (Mecklenburg-Vorpommern)

Unweit des Dorfes Wodarg bei Altentreptow in Mecklenburg-Vorpommern befand sich zur slawischen- und frühdeutschen Zeit eine lokal bedeutende Marktsiedlung. Sie wurde beim Bau der A20 im Jahre 2003 entdeckt und archäologisch untersucht. Dabei fanden die Archäologen nicht nur die slawische Marktsiedlung, sondern auch einen frühdeutschen Wehrspeicher aus der Zeit um 1300. Teile des Wehrspeichers waren dabei so gut erhalten, dass man sich ein lebhaftes Bild von ihm machen konnte. Aber zurück zum Anfang der Siedlung. Funde zeigten an, dass die Slawen diese Siedlung bereits im späten 9. Jahrhundert an einem wichtigen Handelsweg errichteten. Wahrscheinlich handelte es sich bei diesem Weg um die "Via Regia", einer Handelsroute von Hamburg nach Stettin. Auch ein zweiter Landweg, der parallel zum Fluss Tollense verlief, kreuzte hier den Handelsweg. Allein schon aus diesem Grund kann die slawische  Siedlung kein normales Bauerndorf gewesen sein. Es handelte sich mit einiger Wahrscheinlichkeit um eine Marktsiedlung, in der auch slawische Adlige anwesend waren. Der Handelsweg führte über den nahen Tollensefluss, wo in der frühdeutschen Zeit die Burg Conerow bestand. Möglicherweise handelt es sich bei der Siedlung um das dazugehörige Dorf Conerow. Ob sich an der Stelle der deutschen Burg auch schon eine slawische Wallanlage befand, ist noch unbekannt, aber aus meiner Sicht anzunehmen. Den Brückenübergang über die Tollense gab es bereits zur Slawenzeit, wie der Fund eines wikingerzeitlichen Schwertes anzeigt und solche Furten wurden meistens von Burgen überwacht. Ausserdem trägt die frühdeutsche Burg einen slawischen Namen, der noch von der Vorgängerburg stammen könnte. Die Archäologen fanden in der gut 100 m langen Siedlung neben den typischen slawischen Vorratsgruben auch Spinnwirtel, Messer, Wetzsteine und andere Werkzeuge. Von besonderem Interesse sind aber zwei vergoldete Maskenbeschläge aus Bronze. Auf einem ist ein bärtiger Mann abgebildet, auf dem anderen ein bärenähnlicher Kopf, der aber auch einen Kopf mit Helm darstellen könnte. Ausserdem konnte die Anwesenheit von Kaufleuten in Form von zwei Kugelgewichten nachgewiesen werden. Auch eine bronzene Ringnadel und zwei mit Silber verzierte Steckschlüssel gehörten zu den Funden. Sie stammen vermutlich aus Skandinavien und bezeugen abermals die Handelstätigkeit in der Siedlung. Durch die Funde kam man nun zu dem Ergebnis, dass hier wohl ein slawischer Adliger mit Anhang (Familie, Handwerker) lebte. Der Fund eines vergoldeten Schläfenringes lässt diese Vermutung zu. Die Bewohner der Siedlung hatten also einen für slawische Verhältnisse gehobenen Lebensstandart. Wie gesagt, muss die Frage vorerst offen bleiben, ob der Adel ständig in der Siedlung lebte, oder doch solchen Einfluss hatte und an der Stelle der frühdeutschen Burg Conerow bereits eine slawische Wallanlage besaß. Im Verlauf der deutschen Ostexpansion (13. Jahrhundert) zogen nun deutsche Einwanderer in die slawischen Gebiete, auch nach Conerow. Die Archäologen fanden mindestens fünf große einschiffige Gebäude, die man nicht den Slawen zuordnen kann. Die Deutschen bauten also bei ihrer Ankunft direkt neben der slawischen Siedlung ihre Häuser auf. In jener Zeit wurde auch die frühdeutsche Burg Conerow errichtet, die erstmals 1248 erwähnt wurde, aber schon einige Jahre früher entstand. Um 1300 kam es in der Siedlung Conerow zu größeren bautechnischen Maßnahmen. Man hob ein Toteisloch aus und errichtete darin ein Gebäude von 13 mal 5 Metern Länge, welches auf hölzernen Stämmen ruhte. Drei hölzerne Stege führten zu dem Gebäude, welches wohl als Vorratsspeicher diente. Das ausgehobene Toteisloch wurde mittels eines Grabens zu einem heute verlandeten kleineren See geflutet. Das Gebäude stand also in einem künstlich errichteten Teich. Am Ufer befanden sich ausserdem zwei Gebäude, zu denen einer der Stege führte. Funde von zwei Schanierteilen lassen die Vermutung zu, dass es an dem Wehrspeicher eine Zugbrücke gab. Nun stellte sich die Frage, welchen Zweck dieses Gebäude im Teich hatte. Sehr wehrhaft war es nicht gebaut. Die Ufer befanden sich ca. 14 m entfernt. Angreifer konnten also mühelos brennende Pfeile auf das Gebäude abfeuern. Ein Rittersitz, eine sogenannte Kemlade, kommt hier also weniger in Betracht. Vielmehr handelte es sich um ein leicht geschütztes Vorratsgebäude, in welches man die Ernteerträge und sonstige Wertgegenstände des Ritters von der frühdeutschen Burg Conerow aufbewahrte. Bei der Ausgrabung 2003 konnte man feststellen, dass dieses Gebäude mindestens 20 Jahre in Gebrauch war und dann durch Feuer zerstört wurde. Da es die bereits aus der Slawenzeit stammenden Handelswege auch noch zur frühdeutschen Zeit gab, könnte diese Siedlung ebenfalls eine Art Zollstation dargestellt haben. Leider kann man das aber nicht mehr genau nachvollziehen. Da die Ausgräber insgesamt 31 Pfeilspitzen fanden, kann man den gewaltsamen Untergang der Siedlung im 14. Jahrhundert annehmen. Angreifer waren höchwahrscheinlich Ritter niederer Abstammung, sogenannte Raubritter, die sich mit Überfällen ihren Lebensunterhalt sicherten. In den Jahren nach der Ausgrabung entschloss man sich dazu, den Wehrspeicher zu rekonstruieren. Er wurde ganz in der Nähe der Burg Klempenow auf einer Wiese errichtet. Leider liegt das Gebäude etwas abseits und findet nach meiner Meinung so kaum Beachtung. Ausserdem ist das Gelände eingezäunt, so dass man das Gebäude nur mit etwas Abstand bestaunen kann.

Literatur:

Alte Siedlung Conerow:

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Rekonstruierter Wehrspeicher nahe der Burg Klempenow:

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Menzlin (Mecklenburg-Vorpommern)

Etwa 1,5 km südlich von Menzlin bei Anklam in Mecklenburg-Vorpommern lag im 9. bis 10. Jahrhundert ein wikingerzeitlicher Handelsplatz. Die alte Siedlungsstelle an der Peene trägt den Fluranem "Peeneberg". Eine Zeit lang hielt man diesen Ort sogar für das verschollene Vineta. Ausgrabungen des Gräberfeldes von 1965 bis 1969 zeigten, dass die einstigen Bewohner aus dem skandinavischen Raum stammten und überregionalen Handel betrieben. Die archäologischen Funde belegten das Schmiedehandwerk, Bernsteinverarbeitung, Geweih- und Knochenverarbeitung sowie Weberei. Der Platz lag verkehrsgeographisch günstig und besaß vermutlich sogar einen kleinen Hafen. Die gesamte Siedlungsfläche war 590 m lang, 165 m breit und hatte eine Fläche von ca. 9,7 ha. Am Ostrand der Siedlungsfläche wurden die Toten auf einem natürlichen flachen Hügelplateau bestattet. Diese Stelle ist heute bewaldet und trägt den Flurnamen "Altes Lager". Dort fand man auch die sogenannten "Schiffsgräber". Hier wurden allerdings keine Schiffe vergraben, sondern Grabstellen mit mittelgroßen Steinen umringt, so dass sich die Form eines Schiffes ergab. Diese Grabanlagen kann man sicher den Wikingern zuordnen. Auf dem Hügelplateau werden noch viele weitere Gräber vermutet, die bisher nicht untersucht wurden. In der Menzliner Siedlung lebten nach heutiger Einschätzung Slawen und Wikinger zusammen und betrieben einen überregionalen ostseenahen Handelsplatz. Heute ist von der Siedlung nichts mehr zu erkennen. Die Schiffsgräber können aber besichtigt werden.
 
Literatur:
 

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Neuburg bei Parchim am ehemaligen Löddigsee (Mecklenburg-Vorpommern)

Lage nach Begradigung der Elde im 19. Jahrhundert (links); und Detailansicht der befestigten Inselsiedlung (rechts), nach Ronny Krüger 2017

Etwa einen Kilometer nördlich von Neuburg bei Parchim in Mecklenburg-Vorpommern befand sich eine großräumige spätslawische Siedlungsstelle, die heute auch als Handelsplatz von Parchim-Löddigsee bekannt ist. Durch Meliorationsarbeiten im Jahr 1975 wurde dieser Platz entdeckt. In den Jahren 1981 bis 1991 und von 1996 bis 1999 fanden hier mehrmonatige Ausgrabungskampagnen statt, in denen das ganze Gelände archäologisch untersucht werden konnte. Dabei stellte man fest, dass das Siedlungsareal in slawischen Zeiten auf einer langgezogenen flachen Insel errichtet wurde, die in einer Eldeschleife lag. Durch das Begradigen der Elde vor 1778 trockneten die Eldeschleife und der nahe Löddigsee völlig aus. Bei den Untersuchungen stieß man auch auf die Reste eines ovalen, ca. 1,8 ha großen Ringwalls. Man stellte fest, dass seine Holzkastenkonstruktion nicht wie sonst üblich mit Steinen und Erde aufgefüllt war. Die Wallfüllung bestand möglicherweise nur aus losen Hölzern. Ähnliche Wallkonstruktionen konnten auch im seewärtigen Wall der älteren Inselburg Behren-Lübchin und auf der Burgwallinsel Quetzin nachgewiesen werden, die wahrscheinlich alle zeitgleich bestanden. Der Burgwall von Parchim-Löddigsee hatte zwei Tore, die sich gegenüber lagen. Vor dem Westtor landete eine ca. 140 m lange Holzbrücke an, die über den Fluss Elde verlief. Eine Art Zugbrücke überspannte einen 4 m breiten Graben und führte dann in den Burgwall. Vom Westtor führte ein Bohlenweg in den Burinnenraum, der sich nach wenigen Metern in drei Richtungen verzweigte. Der nördliche Abzweig führte zu einem dachlosen Gebäude von 12,6 m x 11,4 m Größe. Dieses Gebäude deutete man als Kultbau. Das Gebäude hatte zwei schmale Türen von etwa 58 cm Breite, die sich genau gegenüber lagen. Um den Tempel führte ein sandbeschichteter schmaler Umgang, der mit Stangen begrenzt war. In der Nähe des Tempels barg man Reste einer Bohle mit Kopfdarstellung, wie sie aus der Siedlung von Groß Raden bekannt sind. Sie gehörte vermutlich zur Schmuckfassade des Tempels. Im hinteren Teil des Gebäudes barg man größere Steine mit flachen Oberflächen, die man als Reste eines Altars deutete. Auch zwei Plankenstümpfe wurden dort angetroffen, die möglicherweise zu hölzernen Götterbildern gehörten, die dort einst aufgestellt waren. Weiter barg man zwei Lanzenspitzen, mehrere Messer, einen eiseren Schlüssel, Reste einer Kastrierzange und Keramik von zwei Gefäßen. Diese Gegenstände sind vermutlich mit den Kulthandlungen in Verbindung zu bringen. Das kleinere Osttor der Burg führte womöglich zu einem kleineren Bootssteg. Im übrigen Burgraum konnte man Blockhäuser von 4,5 m x 5 m Größe und zahllose Öfen nachweisen, die innerhalb und ausserhalb dieser Bauten lagen. Der Burgwall war nach Deutungen der Ausgräber zweiphasig. Vermutlich wurde er um 1050 angelegt und brannte bereits um 1060 ab. Danach wurde er erneuert und bestand bis in die Mitte des 12. Jahrhunderts. Der Fund von insgesamt 188 Gewichten spricht doch dafür, dass diese Burgsiedlung einen überregionalen Markt- und Handelsplatz darstellte. Man prägte hier auch Münzen, die teilweise Fälschungen waren. In der frühdeutschen Zeit wurde der Platz weiter besiedelt, allerdings nur als einfache Fischersiedlung ohne Burg. Im Jahre 1369 wurde diese nun deutsche Siedlung als "Scarzin" erstmals urkundlich erwähnt. Wenig später wurde der Ort vollständig aufgegeben. Interessant ist, dass bei den Ausgrabungen auch die Reste einer kleinen neolithischen Siedlung aus der jüngeren Steinzeit gefunden wurden. Anscheinend war der Platz auch schon lange vor der slawischen Landnahme als Siedlungsplatz begehrt.

Literatur:

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Ralswiek auf der Insel Rügen (Mecklenburg-Vorpommern)

Der Ort Ralswiek auf Rügen wurde von den slawischen Ranen im 8. Jahrhundert gegründet. Man errichtete hier einen Seehafen, der sich zu einem der wichtigsten im Ostseeraum entwickelte. Archäologische Funde zeigten, dass die Handelsbeziehungen bis nach Norwegen, Schweden und sogar in die arabisch-persischen Gebiete reichte. Weiterhin stiess man auf einen Münzfund von 2203 arabischen Dirhams, die aus der Zeit zwischen 459 und 847 stammen. Im Kulturhistorischen Museum in Stralsund kann man diesen Schatzfund heute besichtigen. Man barg zwischen 1967 und 1980 in Ralswiek vier bis zu 14 m lange und 3,4 m breite Boote, die von den Slawen stammen. Einige Rekonstruktionen dieser Boote kann man heute im Freilichtmuseum Groß Raden und im Slawendorf Torgelow besichtigen. Auch ein slawischer Kultplatz mit einem kleinen Tempel lag etwas ausserhalb der Siedlung am Strand.
Nordöstlich von Ralswiek befinden sich ca. 400 slawische Hügelgräber aus der Zeit des 8. bis 12. Jahrhunderts. Hier wurden die verstorbenen Einwohner der Handelssiedlung bestattet. Bei der Eroberung Rügens im Jahre 1168 durch die Dänen kam der Ort in den Besitz des Bistums Roskilde und wurde kirchliches Verwaltungszentrum für die Insel. Interessant ist, dass sich nur wenige Kilometer weiter nordöstlich der Siedlung eine Burganlage befand, die zeitgleich existierste. Vielleicht schützte sie den Handelsort.

Literatur:

Handelssiedlung:

Lage

Hügelgräberfeld:

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Strömkendorf "Reric" (Mecklenburg-Vorpommern)

Noch vor wenigen Jahren war der genaue Standort der sagenumworbenen Handelssiedlung Reric an der Ostsee völlig unbekannt. Selbst um das Jahr 1980 herum hielt man die Mecklenburg oder Lübeck für den frühmittelalterlichen Handelsplatz. Man wusste, dass die Stadt im 8. Jahrhundert existiert hat und im Jahr 808 durch den Dänenkönig Gudfred zerstört und nach der Umsiedlung ihrer international zusammengesetzten Bevölkerung untergegangen war. Die Rolle als Fernhandelsplatz ging daraufhin auf Haithabu über, wo die entführten Kaufleute angesiedelt wurden. Klar war nur, dass es sich um einen Handelsplatz im Stammesgebiet der Obodriten handeln musste. Der Ortsname (abgeleitet von Röhricht), wies auf die Nähe großer Schilfgebiete hin. Davon gab es an der südlichen Ostseeküste jedoch etliche. Seit den Grabungen durch die Landesarchäologie Mecklenburg-Vorpommerns mit der Universität Kiel Mitte bis Ende der 1990er Jahre ist Reric mit einem hohen Grad an Sicherheit an der Wismarer Bucht nördlich von Wismar bei Groß Strömkendorf lokalisiert und, aufgrund der kulturhistorischen Einordnung der Funde, als ehemaliger Fernhandelsstandort des 8. bis frühen 9. Jahrhunderts bestätigt. Dafür spricht auch, dass es über kleinere Wasserläufe von der Elbe halbwegs erreichbar war. Diese Isthmus-Lage zur Nordsee war auch für die Entwicklung der Handelsplätze Haithabu, Liubice/Lübeck und Ribe bedeutsam. Es wird angenommen, dass Reric zur Blütezeit etwa 100 - 200 ständige Einwohner aufnehmen konnte. Reric ist nicht zu verwechseln mit der heutigen Stadt Rerik am Salzhaff, die ihren Namen nur in bewusster Anlehnung an Reric zu einer Zeit erhielt (1938), als dessen genaue Lage noch unbekannt war.

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Birka (Schweden)

Birka war ein wikingerzeitliches Handelszentrum im heutigen Schweden. Es wurde im späten 8. Jahrhundert auf der Insel Björko gegründet und bestand bis zum Ende des 10. Jahrhunderts. Es bestand aus einer befestigten Burg auf einer Anhöhe und einer befestigten Vorburgsiedlung. Ausserhalb dieser Siedlung liegen mehrere Hügelgräber jener Zeit. Interessant für uns ist, dass zur aufgefundenen Keramik auch ungefähr 25 % slawische Importware stammt. Selbst in den Hügelgräbern fand man slawische Töpfe. Nun stellt sich die Frage, wie diese Tonware nach Birka ins Wikingerland gelangte. Entweder kam es durch Wikingerhändler in die Ansiedlung, oder aber es waren zeitweise auch slawische Händler vor Ort. Die Frage lässt sich heute kaum beantworten, da es nicht viele Schriftquellen über Birka gibt. Es ist aber anzunehmen, dass den Slawen dieser Handelsort bekannt war. Birka bestand schon zu Zeiten "Rerics", daher ist mit einem Warenaustausch zwischen beiden Standorten zu rechnen. Bereits um 830 wurde in Birka das Christentum verbreitet, dennoch wurde Birka nie eine christliche Stadt. Ende des 10. Jahrhunderts wurde Birka aufgegeben, warum, ist bis heute unklar. Kriegerische Zerstörungen konnten die Archäologen nicht finden. In der Nähe wurde zu der Zeit die neue Stadt "Sigtuna" gegründet, die wahrscheinlich  die Rolle Birkas übernahm.

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Haithabu (Schleswig-Holstein)

Haithabu war damals ein weit bekannter Handelsplatz der Wikinger in Nordeuropa. Heute zählt das Gelände der einstigen frühmittelalterlichen Stadt südlich von Schleswig zu den bedeutendsten Bodendenkmälern in Schleswig-Holstein. Um 770 wurde der Ort von den Dänen gegründet. Im Laufe der Zeit enstanden in der Nähe weitere Siedlungen. Bereits im Jahre 808 ließ der dänische König Gudfred die slawische Konkurrenzsiedlung "Reric"  an der Ostsee zerstören und die slawischen Kaufleute nach Haithabu umsiedeln. Dadurch stieg der Handel in der Siedlung sprunghaft an. In der Siedlung gab es  abgegrenzte Gehöfte der Händler und Handwerker, Friedhöfe, ja sogar einen kleinen Fluss. Gegen Ende des 9. Jahrhunderts errichtete man um die mittlere Siedlung einen massiven Erdwall zum Schutz vor Angreifern. Die anderen Siedlungen ausserhalb des Schutzwalles hat man offenbar aufgegeben. Die Einwohnerzahl in Haithabu im 9. und frühen 10. Jahrhundert schätzt man heute auf ca. 1000. Auch eigene Münzen prägte man vor Ort. Im Jahre 934 griff der deutsche König "Heinrich I." die Stadt an und konnte sie einnehmen. Haithabu gehörte nun für ca. 100 Jahre zum deutschen Gebiet. Gerade aus diesem Grund erlangte die Stadt noch mehr Bedeutung und wurde Haupthandelsplatz in Nordeuropa. Selbst arabische Händler besuchten die Stadt. Die Einwohnerzahl stieg nun auf ca. 1500 an. Im Jahre 948 wurde Haithabu zum Bischofssitz, allerdings gab es bereits schon um 850 die erste christliche Kirche in der Siedlung. Im Jahr 983 wurde die Stadt erneut angegriffen und vom dänischen König "Harald Blauzahn" eingenommen. Um 1000 gehörte sie dann wieder zum Reich des deutschen Kaisers. Das Ende der Siedlung war nun eingeläutet, denn 1050 kam es erneut zu einer Schlacht um Haithabu, nun zwischen "Harald Hardrada von Norwegen" und "Sweyn II.". Obwohl der Ort von einem mittlerweile ca. 9 m hohen Wall samt Palisaden umgeben war, plünderten die Slawen zusätzlich den Ort im Jahre 1066. Danach wurde die Siedlung endgültig aufgegeben und weiter nördlich im heutigen Schleswig eine neue Siedlung angelegt. Durch archäologische Untersuchungen konnte man auch den Handel mit Sklaven nachweisen, wie eiserne Fußfesseln bewiesen. Ausserhalb der Siedlung fand man auch das königliche Schiffsgrab eines Wikingers. Im 11. Jahrhundert verfiel der Ort bis auf den Erdwall und geriet bei der Bevölkerung sogar in Vergessenheit. Erst 1897 brachte man den Ort mit Haithabu wieder in Verbindung. Heute kann man noch den gewaltigen Erdwall besichtigen. Innerhalb der Befestigung hat man einige wikingerzeitliche Häuser rekonstruiert. Auch ein Museum liegt ganz in der Nähe.

Ein arabischer Händler besuchte den Ort um 965 und schilderte folgendes:

"Schleswig ist eine sehr große Stadt am äußersten Ende des Weltmeeres. In ihrem Innern gibt es Quellen süßen Wassers. Ihre Bewohner sind Siriusanbeter, außer einer kleinen Anzahl, welche Christen sind, die dort eine Kirche besitzen. Die Hauptnahrung ihrer Bewohner besteht aus Fischen, denn die sind dort zahlreich. Wenn jemand Kinder bekommt, wirft er sie lieber ins Meer, damit ihm keine Kosten entstehen. Die Stadt ist arm an Gütern und Segen. Das Recht der Scheidung steht bei ihnen den Frauen zu. Das Weib scheidet sich selbst, wenn es will. Nie hörte ich hässlicheren Gesang als den Gesang der Schleswiger, und das ist ein Gebrumm, das aus ihren Kehlen herauskommt, gleich dem Gebell der Hunde, nur noch viehischer als dies. Sie feiern ein Fest, wo alle zusammenkommen, um den Gott zu ehren und um zu essen und zu trinken. Wer ein Opfertier schlachtet, errichtet an der Tür seines Gehöftes Pfähle und tut das Opfertier darauf, sei es ein Rind oder ein Widder oder ein Ziegenbock oder ein Schwein, damit die Leute wissen, daß er seinem Gotte zu Ehren opfert. Sie haben künstliche Schminke für die Augen. Wenn sie sie auftragen, ist es nicht zum Nachteil ihrer Schönheit; im Gegenteil, sie wird bei Männern wie Frauen noch betont."

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"Vineta" bei Wolin (Insel Usedom im heutigen Polen)

Vineta, auch Wineta, war eine sehr bekannte Handelsstadt an der Ostsee im westslawischen Raum. Es ranken sich bis heute viele Legenden und Sagen um diesen Handelsort. Bis heute ist man sich nicht einig, wo es gelegen haben könnte und viele Orte wurden mit Vineta identifiziert. Die meisten Forscher gehen aber davon aus, dass das überlieferte Jomsburg/Jumme Vineta ist. Diese Siedlung mit Burg lag auf der Ostseeinsel Wollin im heutigen Polen. Nach Überlieferungen soll Jumme eine große Hafenstadt mit 12 Toren gewesen sein, deren Streitmacht allen Völkern des Nordens überlegen sei. Andere Quellen nennen Jumme als größte und reichste Stadt Europas, in der viele heidnische und christliche Völkerschaften zusammen lebten. Es gab dort allerdings keine Kirchen, da die Stadt auf slawischem Gebiet existierte. Daher kann man die Sagen über angebliche Glocken von Vineta wirklich ins Reich der Sagen verbannen. Die reiche Hafenstadt soll um 1159 von einer dänischen Flotte angegriffen und zerstört worden sein.

Der geistliche Chronist Helmold von Bosau berichtete um 1167 folgendes über Vineta:

"Wo nun Polen endet, gelangt man zu den sehr ausgedehnten Landen der einst Wandalen, jetzt aber Wenden oder Winuler genannten Slawen. Als erste kommen die Pommern, deren Gebiet sich bis zur Oder erstreckt. Dieser wasserreichste Strom des Slawenlandes entspringt im tiefsten Bergwalde der Mährer, die östlich von Böhmen wohnen, wo auch die Elbe ihren Lauf beginnt. Anfangs fließen sie nicht weit voneinander entfernt, doch dann nehmen sie verschiedene Richtung. Die Elbe strömt nach Westen und bespült mit dem Oberlauf das Gebiet der Böhmen und Sorben, trennt durch den Mittellauf die Slawen von den Sachsen und durch das Ende ihrer Bahn den Hamburger Kirchensprengel vom Bremer, bis sie ihr Ziel erreicht und in den britannischen Ozean mündet. Der andere Fluß, die Oder, verläuft nordwärts mitten durch die Stämme der Wenden, indem er die Pommern von den Wilzen scheidet. An seiner Mündung in das Baltische Meer lag einst die sehr angesehende Stadt Vineta, welche den rings wohnenden Barbaren und Griechen einen weitberühmten Stützpunkt bot. Weil zum Preise dieser Stadt viele, oft kaum glaubliche Geschichten umgehen, sei es erlaubt, an einiges Erwähnenswerte zu erinnern. Unter allen Städten, die Europa umfaßt, war sie sicher die größte, von Slawen vermischt mit anderen Griechen und Barbarenvölkern bewohnte. Ja, auch zureisende Sachsen erhielten die gleiche Erlaubnis zum Aufenthalt, wenn sie nur, solange sie blieben, nicht öffentlich als Christen auftraten. Bis zum Untergange dieser Stadt waren nämlich alle Bewohner von heidnischen Bräuchen irregeleitet, sonst aber konnte man an Sitten und Gastlichkeit keine anständigeren und mildherzigeren Leute finden. Reich an Waren aller Länder, besaß jene Stadt alle Annehmlichkeiten und Vorzüge. Ein König der Dänen soll diesen höchst wohlhabenen Platz mit einer sehr großen Flotte angegriffen und völlig zerstört haben. Die Überreste sind noch jetzt vorhanden. Das Meer sieht man dort in dreifacher Gestalt: drei Sunde bespülen nämlich jene Insel, deren einer ganz grünes, der zweite weißliches Aussehen haben soll, während der dritte in fürchterlicher Bewegung durch dauernde Stürme wütet. Es wohnen auch noch andere Slawenstämme in langem Bogen nach Süden zu zwischen Oder und Elbe, so die Heruler oder Heveller an der Havel und der Dosse, die Leubuser, die Wilinen und die Stoderanen nebst vielen anderen. Hinter dem ruhigen Laufe der Oder tritt uns nach den verschiedenen Stämmen der Pommern vom Westufer an das Gebiet der Wenden entgegen, soweit sie Tollenser und Redarier genannt werden. Ihre bekannteste Hauptburg ist Rethra, ein Sitz der Abgötterei. Ein großes Heiligtum ist dort den Götzen errichtet, deren vornehmster Redegast heißt. Sein Bild ist von Gold, sein Lager von Purpur gefertigt."

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Zirzow bei Neubrandenburg (Mecklenburg-Vorpommern)

Der Neustrelitzer Archäologe Adolf Hollnagel (1907-1975), dessen Grabungen von 1969 den Doppelgötzen auf der Fischerinsel im Tollensesee ans Tageslicht brachten, interessierte sich schon sehr früh für die Bodendenkmalpflege in seiner Heimat Mecklenburg. Auf einer seiner Erkundungen stellte er am 16./17. April 1947 slawische Scherben auf einer sandigen Anhöhe, ca. 300 m nördlich des Weitiner Turmhügels "Mörderberg", fest. 22 Jahre später, am 26. Oktober 1969, berichtete der Neubrandenburger Denkmalpfleger Paul Schumacher erneut von diesem Platz. Er erkannte durch Oberflächenfunde, dass die Siedlung doch recht viel größer war, als noch von Hollnagel angenommen. In den folgenden Jahren wurden immer wieder slawische und auch wenige frühdeutsche Keramikscherben auf dem Platz gefunden. Im Winter 1973/74 wurde entlang der heutigen modernen Straße ein Kabelkanal durch das Siedlungsareal gezogen. Dabei wurden mehrere slawische Gruben angeschnitten. Im Mai 1974 führte der Neubrandenburger Archäologe Volker Schmidt (1942-2002) zusammen mit dem Jugendclub "Heinrich-Schliemann" weitere Grabungen durch. Aufgrund der guten Ergebnisse wurde im Juni und Juli desselben Jahres eine weitere Grabung des Museums für Ur - und Frühgeschichte Schwerin durchgeführt, bei dem eine Fläche von 1360 m² untersucht wurde. Weiterhin wurden zwei längere Schnitte zu den Randbereichen der Siedlung gegraben um zu klären, wie diese Siedlung einst befestigt war. Folgendes Bild erschloss sich den Ausgräbern: Es handelte sich um eine jungslawische Siedlung auf einem horstartigen Areal von ca. 40.000 m² am Rande der Tollenseniederung, durch die schon damals ein Handelsweg in Richtung Altentreptow verlief. Dadurch erlange der Ort anscheinend eine gewisse strategische Bedeutung, da auch Hinterlassenschaften des Adels (Reitersporne) gefunden wurden. Zu den Funden zählten Keramiken der Vipperower- und Teterower Ware, Fingeringe, Schläfenringe, Spinnwirtel, Pfrieme, Messerrohlinge, Schlüssel, Kämme, Sensen usw. Hier bestand anscheinend eine ausgeprägte handwerkliche Produktion. Vielleicht lag hier eine Art Zollstation ins Land der Tollenser oder aber ein kleiner lokaler Handelsort. Die ohne Wall befestigte Siedlung bestand bis in die frühdeutsche Zeit hinein. Die Siedlung hatte anscheinend einen mittelslawischen Vorgänger in nur 150 m Entfernung weiter westlich. Im 14. Jahrhundert wurde 300 m südlich der jungslawischen Siedlung von Zirzow ein größerer Turmhügel auf dem "Mörderberg" angelegt. Das zeigt, wie wichtig dieser alte Handelsweg noch in dieser Zeit war.

Literatur:

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